Mein Bruder, sieben Jahre älter als ich, meine Mutter, leidenschaftliche Nichtschwimmerin, und mein Vater, dem Alkohol verfallen, verbringen ihren Urlaub auf einer kleinen Insel, die damals touristisch noch weitgehend unbelastet war: Formentera.
Nachts um 22 Uhr wurde der Strom abgeschaltet, damit die Generatoren nicht überhitzten. Wer danach zur Toilette wollte, nahm eine Kerze oder Taschenlampe mit. Tagsüber kamen einige Schiffe von Ibiza herüber und brachten Urlauber sowie Lebensmittel auf die Insel.
In den Gassen und am Strand begegneten einem gut gelaunte Touristen und Einheimische. Das Mittelmeer lag nur wenige Schritte von unserer Hotelpension entfernt. Sangria, Snacks, Eis, Fahrräder, Luftmatratzen und Plastikspielzeug gehörten überall zum Bild.
Und hier und da sah man auch ein Kind, das von seinen Eltern den Po versohlt bekam – am Strand, im Hotel oder in den Dünen. Offen und für alle sichtbar. So war das damals. Niemand schien sich daran zu stören.
Der Tag am Meer
Ich kann heute nicht mehr sagen, wie lange wir zu diesem Zeitpunkt bereits auf der Insel waren. Meiner Erinnerung nach müssen es einige Tage gewesen sein.
An diesem Tag war das Meer unruhiger als sonst. Die Wellen waren höher und für gute Schwimmer vermutlich besonders interessant.
Mein Bruder war mit seiner Luftmatratze für meine damaligen Verhältnisse „weit“ draußen. Genau dort wollte ich hin.
Ich muss höchstens sieben oder acht Jahre alt gewesen sein und konnte kaum schwimmen. Der Kraft des Meeres war ich nicht gewachsen.
Das Wasser zog mich in die Tiefe, ließ mich kurz wieder auftauchen und riss mich erneut vier bis fünf Meter hinunter auf den sandigen Meeresboden.
Je kraftloser ich wurde, desto beruhigender empfand ich die Situation. Der anfangs unangenehme Salzgeschmack störte mich irgendwann nicht mehr.
Ich lag auf dem Meeresgrund und sah mich selbst aus der Vogelperspektive. Ich hatte das Empfinden, davonzuschweben – hinein in ein Licht, das für mich Wärme und Liebe ausstrahlte.
Dann: Filmriss.
Meine nächste Erinnerung ist der Strand. Ich liege dort und spucke Wasser.
Ein Arzt, der zufällig ebenfalls auf Formentera Urlaub machte, hatte mich zurückgeholt. Nach seiner Aussage war es sehr knapp gewesen. Nur wenig später hätte er die Wiederbelebungsversuche eingestellt.